1945 war es für Amerika leichter2018-05-18T12:23:59+00:00

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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 04.04.2013:

Amerikas Staatsschulden stehen 1945 bei 113 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Obwohl sie dann stetig fallen und dabei die staatliche Nachfrage wegbricht, gibt es im Vierteljahrhundert bis 1970 robustes Wachstum von jährlich mehr als 3 Prozent.

2013 hingegen herrscht die Überzeugung, dass ohne steigende Staatsverschuldung selbst das bescheidene Wachstum der letzten fünf Jahre ausgeblieben oder gar noch bittere Schrumpfung eingetreten wäre. Warum kommt es nach 1945 trotz Schuldensenkung zu Wachstum, während heute das Gegenteil gefürchtet wird?

Die Antwort liegt im Privatsektor. Seine Verschuldung liegt – worauf MorganStanley aufmerksam macht – 1945 in den USA bei nur 43 Prozent BIP. Als die Regierungsnachfrage ausfällt, hat der private Sektor jede Menge unbelastetes Eigentum, das für die Verschuldung eingesetzt wird. Denn was der Staat nicht liefert, muss privat erbracht werden. Auf eine Wiederholung des selbst tragenden Aufschwungs von damals rechnet man in Amerikas allenfalls dann, wenn die staatliche Verschuldung noch etliche Jahre weiter hochgefahren wird.

Doch im Crash von 2008 steht Amerikas US-Privatsektor nicht mit 43, sondern mit über 300 Prozent BIP in der Kreide. Das Herunterfahren dieser Schulden auf  nur noch gut 250 Prozent BIP Anfang 2013 manifestiert sich als der krisenbewirkende Nachfrageinbruch. Die Privaten können nicht anders, weil im Crash die Preise ihres Eigentums fallen, ihre damit besicherten Kredite aber unvermindert hoch bleiben, also faul werden. Nur durch das Hochfahren der US-Staatsschulden von  65 Prozent BIP 2008 auf 105 Prozent BIP Anfang 2013 verhindert einen tieferen Absturz – mehr aber nicht, denn die Gesamtverschuldung sinkt von 365 Prozent BIP (2008) auf 355 Prozent BIP (Anfang 2013) weiterhin ab.

Einen Aufschwung à la 1945 kann Amerika nicht wiederholen, weil sein Privatsektor auch fünf Jahre nach dem Crash immer fünfmal höher verschuldet ist als 1945 und der Staat mit seinen 105 Prozent nahe beim Kriegsschuldenstand von 1945 liegt (von 260 Milliarden Dollar 1945 auf 17 Billionen Dollar heute).

Mit zwei Mitteln lockt deshalb der Staat die Privaten wieder näher an den 300 Prozent-Schuldenstand von 2008: (1) Nullzinspolitik der Zentralbank sowie (2) ihr Ankauf von staatlichen Papieren und  privaten Schuldtiteln (Hypotheken vor allem). Ein Zins von 0,1 Prozent für Investmentbanken erlaubt preissteigernde Käufe von Titeln, die – sagen wir – 3 Prozent bringen. Die rentieren bei einer Preisverdopplung zwar nur noch mit 1,5 Prozent, was aber immer noch fünfzehnmal über den 0,1 Prozent liegt. Bei 3 Prozent Zentralbankzins würde niemand solche Papiere anfassen. Nun aber beschert ihre Blähung eine Vermögensverdopplung. Die heilt die Verschuldungsfähigkeit durch Hochpreisen der als Pfand einsetzbaren Positionen. Der zentralbankliche Ankauf wiederum dreht den Preisverfall der so bedachten Papiere,  stabilisiert also die Verpfändungsmasse für neuerliche Verschuldung. Unterbliebe das Ankaufen, sodass – sagen wir – 10.000er Papiere auf 5.000 fielen, wären alle in Staatsschulden oder Hypotheken gehaltenen Eigenkapitale umgehend ausgelöscht.

Diesen Super-Gau verzögern die Ankäufe, während die mit ihnen hoch gehaltenen Vermögenspreise den Privaten eine Verpfändungsfähigkeit näher bei 2007 als bei 2008 signalisieren. Jetzt macht man frische Schulden für echtes Wachstum. Ziehen aber die Zentralbanken das Feuer unter den Kesseln weg, platzt die Illusion, weil die Vermögenspreise wieder fallen und alle hektisch den Abstand zwischen fallenden Eigentumspreisen und fixen Schulden verringern müssen.

Börsenstände von 2013 à la 2007 zeigen mithin keine neue Stärke der Privaten. Und bei Verlöschen der Zentralbankflammen kann auch der Staat nicht noch einmal in die Vollen. Die ersehnten Neukäufer für seine Papiere sehen ja, dass seine Bürger die Runterpreisung ihres Eigentums erleben und nicht auch noch mehr davon dem Fiskus fürs Schuldenbedienen zuführen können.
Während nach 1945 Amerikaner Eigentum aktivieren und dabei bis 1970 (mit 370 Dollar Staatsschulden pro Kopf)  auch noch ihr Durchschnittsalter auf 28 Jahre absenken, sind sie heute – bei 44.000 Dollar  – ein Jahrzehnt älter. Gleichzeitig rutschen sie beim Anteil von Hochschulabsolventen an der Gesamtbevölkerung vom 1. auf den 12. Platz.

Nebenher optimieren sich 1,6 Milliarden Ostasiaten (fünfmal Amerika) für das Anbieten auf globalen Märkten. In Japan, Korea und den chinesischen Nationen treten Bevölkerungen an, die fast aus dem Stand vom Ananas-Anbau in den Computerbau überwechseln können. Obwohl die alten Industrienationen oft schon mit geringeren Löhnen konkurrieren, können sie den JaChinKos die Hightech-Industriezweige nicht wieder abjagen. Ihnen fehlt die Kompetenz. Bei der Schüler-Mathematik-Olympiade (TIMMS 2007) liegen Taiwan, Süd-Korea, Singapur,  Hongkong und Japan auf den Plätzen eins bis fünf. Sie schaffen zwischen 598 und 570 Punkte (von 600 möglichen). Dann folgt Europas Glanzlicht Ungarn mit 517. Wenig spricht für eine Überwindung dieses Klassenunterschieds – weder in Amerika noch in Europa.