Den Schwachen nicht helfen, aber die Starken schwächen: Fortgang der Nullzinspolitik2014-04-11T13:02:28+00:00

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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 10.04.2014:

Zentralbank-Nullzins gibt es bekanntlich nur für Geschäftsbanken. Er kann Firmen und ihren Geldlohnbeziehern nicht direkt helfen, weil sie keinen Zugang zum Zentralbanktresen haben. Selbst wenn Geschäftsbanken aufgrund des Nullzinses ihren eigenen Ausleihzins senken, bringt das keinerlei Vorteil für Firmen, die ihre Verschuldungsfähigkeit durch crashbedingten Fall ihres Firmenpreises verloren haben. Ohne frisches Kollateral bekommen sie keinen Kredit. Stattdessen erhalten sie schlechte Rankings für ihre Kreditwürdigkeit, so dass sie auch keine Anleihen begeben können. Solche Unternehmen können sich nur noch doch erfolgreiche Umstrukturierung und/oder Innovation retten, die sie aus dem Cashflow bezahlen. Scheitert das Umkrempeln der Betriebe, gehen sie unter. Niemand  – weder Regierung noch Zentralbank noch Geschäftsbank – kann ihnen Eigentum für die Besicherung eines neuen Kredits übertragen.
Wie aber steht es mit weiterhin verschuldungsfähigen Unternehmen? Sie folgen unvermindert dem Grundgesetz des Wirtschaftens, betreiben also das nie endende Wegstreben von der Überschuldungsschwelle bzw. das permanente Verteidigen oder Steigern des Firmenpreises. Von nun an tun sie das jedoch unter Einbeziehung der Möglichkeiten aus dem Nullzins. Alle bisherigen Schulden oder gegen sie gerichtete Forderungen, die mit einem Zins deutlich über Null belastet sind, kommen für den Ersatz durch weniger teure Verbindlichkeiten auf den Prüfstand.
Zahlt ein starkes Unternehmen normalerweise 6 Prozent Dividende, macht es nunmehr Sinn, die Zahl der dividendenberechtigten Aktionäre zu verringern. Besorgen sich solche Firmen durch Anleihen für lediglich 3 Prozent – interessant für (aufgrund von Nullzins) nur noch 1 Prozent beziehend Sparer – frische Mittel, können sie damit Aktien zurückkaufen und 6-prozentige Dividendenforderungen abschmelzen. Sie können dieselbe Operation auch aus dem Cashflow vollziehen, weil die Option zur tiefzinsigen Anleihebegebung die Angst vor Illiquidität dämpft. Am inneren Aussehen des Unternehmens ändert sich dabei nichts. Doch die Ausgaben für die verbleibenden Anteilseigner können fallen, wobei die Dividenden unverändert hoch bleiben. Sie können aber auch im bisherigen Volumen auf weniger Leute verteilt werden und so – ganz ohne Modernisierung – eine steigende Ertragskraft vortäuschen. Dieser Fülle aus dem Wunderhorn der Zentralbank ist so schwer zu widerstehen, weil sie sehr schnell zu realisieren ist. Innovationen dagegen werden erst in der Zukunft erweisen, ob sie Gewinne bringen oder der Einsatz verloren ist.
Ein Unternehmen mit angeschlossener Bank (also Zugang zum Zentralbanktresen) kann ein nur 4 Prozent Dividende zahlendes Konkurrenzunternehmen aus Mitteln hinzukaufen, für die nur zwischen 0 und 1 Prozent  fällig sind. Ein 4 Prozent bringendes Vermögen lohnt nicht die Aufnahme einer ebenfalls 4 Prozent kostenden Schuld, eine nur 1 Prozent erfordernde jedoch allemal. Die Differenz erbringt wiederum einen Ertrag, den man ohne innere Veränderung des zugekauften Unternehmensteils gewinnt.
Ungeachtet des glücklichen Umstands, dass die starken Unternehmen statt hochzinsiger jetzt tiefzinsige Verbindlichkeiten haben, ist ihre Schuldsumme gewachsen und damit ihre Verschuldungsfähigkeit gefallen (siehe bereits hier im Blog „Mehr Firmenliquidität als 2013 war nie“; 13-01-2013).  Schließlich erfordert eine Millionenschuld – unabhängig von der Zinshöhe ­ – immer ein Millionenpfand. Kommt nun der Tag, an dem irgendwo auf dem Globus Innovationen erfolgen, die den Preis aller übrigen Branchenmitglieder in den Sinkflug versetzen, können die Konkurrenten die Investitionen in Umrüstungen nur noch um den Preis schnellen Untergangs herauszögern. In jedem Fall starten sie aus einem Rückstand auf die Innovateure.
Auch starke Unternehmen stehen durch die Verführungen der Zentralbanken also gerade dann, wenn es ums Überleben geht, schwächer da als zuvor. Einmal mehr wird offensichtlich, dass die Nullzinspolitik zwar schnelle Gewinne ohne Verbesserung der Substanz  ermöglicht, aber gerade dadurch die Verschuldungsfähigkeit für die Verteidigung eben dieser Substanz mindert. Und für diese Grossen  ist dann erst recht niemand da, der ihnen unbelastetes Eigentum für die Verpfändung übertragen kann. Auch die raffiniertesten Zinsmanipulationen schaffen nun einmal kein Kollateral.