Gelddigitalisierung und Eigentumsökonomie2013-09-05T10:12:54+00:00

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Antwort auf das Posting von User Max Gmür im Malik Blog vom 31.08.2013 zum Thema Vermorschende Gesellschaften:
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 04.09.2013:

Schauen wir exemplarisch auf das momentan anspruchvollste elektronische Zahlungssystem: Bitcoin. Seine Basis ist die Ehrlichkeit der Mineure bei der Schaffung einer Bitcoin-Einheit, ihre Bereitschaft Bitcoins als Zahlungsmittel anzunehmen und ihr Versprechen, auf jegliche Manipulation der Bilanzierung ihrer Bitcoins zu verzichten. Ein Teilnehmer kassiert also nicht nur Kursgewinne seiner Bitcoins (Steigerung ihres Preises in geläufigen Währungen), sondern nimmt auch Kursverluste und Auslöschungen durch nicht wirklich überschaubare Operationen umstandslos hin.
In der 2008 beginnenden Bitcoin-Geschichte kommt es – vor allem nach lockenden Glorifizierungen in den Medien – immer mal wieder zu hohen Kursgewinnen durch viele neue Bitcoinkäufer, so dass etliche Teilnehmer Bitcoins als Investment halten, aber nicht mit ihnen bezahlen. Neoklassische Autoren wie Paul Krugman (Nobelpreis 2008), die Geld für ein Gut zur Erleichterung des Tausches anderer Güter halten, gehen deshalb mit Bitcoin streng ins Gericht: „What we want from a monetary system isn’t to make people holding money rich; we want it to facilitate transactions,“ (NYT, 07-09-2011).
Dieser Tadel kann aber nicht verdecken, dass die Bitcoin-Leute Krugmans charmante Ahnungslosigkeit zum Geld auch für sich beanspruchen. Ihre „bitcoin miner“, Server mit extrem hohem Stromverbrauch, werden wie die Schüttelsiebe und Schaufeln von Goldwäschern vorgezeigt. Auch sie halten Geld für ein Gut, an dessen physische Gestalt – so unmöglich das bleiben muss – sie sich digital ganz nahe herantasten wollen. Ihr elektronisches Geldgut sei dadurch sauberer als alle anderen, die mit weniger mathematischem Aufwand gebastelt werden. Im übertragenen Sinne sagen sie: Wir operieren mit reinem Gold und achten strikt darauf, dass keine Bleiklumpen in Umlauf kommen, die mit Gold nur ummantelt sind.
Doch Geld ist kein – wie immer aufwändig gewonnenes – physisches Besitzgut für die Erleichterung von Tauschakten. Märkte gehen dem Geld nicht voraus, sondern folgen ihm nach. Eine Gelddokument – ob Note, Münze oder digitales Signal – kann selbst ohne intrinsischen Nutzen sein, weil es als eine Forderung gegen die nichtphysische Eigentumsseite eines Gläubigervermögens in einem Schuldvertrag geschaffen wird, der seinerseits eine Forderung gegen das ebenso nichtphysische und jetzt verpfändete Eigentum des Borgers darstellt. Wer es schlagwortartig haben will: Der Tausch führt nicht zum Geld, sondern das Geld erzwingt den Äquivalententausch. Ganz entsprechend kommt das Geld nicht vom Sparen, sondern das Sparen vom Geld, weil man es erst ansammeln oder verdienen kann, nachdem es Eigentümer in Kreditkontrakten geschaffen haben.
Die Güter bzw. Sachen von Gläubigern und Schuldnern – die Besitzseiten ihrer Vermögen – wechseln in einem Kreditvertrag nicht die Hand. Beide nutzen sie ungestört weiter. Es sind mithin Kreditverträge, die Kaufverträge bzw. Märkte nach sich ziehen. Und solche Verträge werden überhaupt erst zwischen Eigentümern möglich. Deshalb haben eigentumslose Systeme wie Stammesgemeinschaften und Befehlsproduktionen (Feudalismus, Realsozialismus) intern weder Geld noch Märkte.
Märkte sind Mechanismen, durch die sich Schuldner über einzuwerbende Verkaufsverträge die termingerecht zu tilgenden Geldsummen aus ihren Kreditpflichten beschaffen müssen. Wie technisch modern auch immer dazu verwendete Zahlungsmittel gestaltet werden, sie stellen dennoch immer Mittel für die Erfüllung von Verträgen dar. Deshalb müssen sie auch der Nichterfüllung und selbst der bloss vermuteten Nichterfüllbarkeit von Verträgen Rechnung tragen können.
Wer einer Geldnote nicht traut, weil sie etwa in Kaufakten gar nicht oder nur mit Abschlag akteptiert wird, muss sie bei ihrem Emitteur gegen das für ihre Besicherung eingesetzte Eigentum einlösen können. Wer vergeblich auf die von einem Schuldner zu leistende Zahlung wartet, muss ersatzweise in dessen Eigentum vollstrecken können. Wer eine bereits gelieferte Ware nicht bezahlt bekommt, muss sie sich zurückholen können und Beschädigsverluste oder Preisverfall aus dem übrigen Eigentum des Säumers ausgleichen dürfen.
Selbst ein hundertprozentig fälschungssicheres und obendrein kursstabiles digitales Zahlungsmittel muss scheitern, wenn seine Verwender für ihre Verpflichtungen nur mit dem Bestand an solchen Mitteln haften, unbezahlte Verkäufer und Kreditgeber also mit der Auskunft bedient werden, dass der säumige Käufer nun einmal keine Bitcoins etc. mehr habe. Zahlungssysteme können also nur funktionieren, wenn die Eigentumspositionen von Geldschaffern und Geldborgern ununterbrochen kontrollierbar, also permanentem Rating ausgesetzt sind. Denn Anonymität kann gelegentlich bei Zahlung, aber niemals bei Haftung akzeptiert werden.
Elektronische Zahlungsmittel ohne Basis im Eigentum von Leuten, die mit Namen und Adresse bekannt sind, müssen erfolglos bleiben. Aber gerade weil eine Geldnote kein Gut ist, sondern lediglich ein Dokument mit der Forderung gegen Eigentum, kommt erst das Zeitalter der Digitalisierung dem – gerade eigentumsökonomisch hoch gehaltenen – Ideal seiner fast kostenlosen Herstellung, Lagerung und Übertragung bisher am nächsten.
Eine Emissionsbank – etwa auf Facebook –, zu deren Eigenkapital Nutzer auf der ganzen Welt beitragen könnten, ist nicht nur möglich, sondern auch der nächste Schritt, wenn die grossen Zentralbanken ausgelöscht sind, weil ihr Eigenkapital und die Pfänder der bei ihnen Kredit nehmenden Geschäftsbanken fast nur noch aus nicht mehr bedienbaren Staatstiteln bestehen. Sie können dann nämlich nicht mehr mit ebensolchen Staatsschulden rekapitalisiert werden.
Das ist der – übrigens schon erreichte, aber noch nicht allgemein wahrgenommene  – Zeitpunkt, an dem die Suche nach unbelastetem Eigentum für die Besicherung einer neuen Währung beginnt. Dann können Milliarden von „kleinen“ Leuten ein wuchtiges Eigenkapital zusammenbringen, dessen aktuelle Bilanzstärke per Mausklick kontrollierbar ist. Man hätte es mit einer Mega-Raiffeisen-Bank zu tun, die allerdings nicht nur zentralbanklich geschaffenes Geld weiterverleiht, sondern eigenes und zugleich digitales Geld für verpfändungsfähige Schuldner emittiert. Diese Währung wäre jedoch nicht deshalb universal, weil sie endlich unabhängig von irgendwelchen dubiosen Individuen zustande käme, sondern weil mehr mit Eigentum versehene Einzelne als je zuvor für die Qualität ihrer Besicherung sorgen würden. Wie bei Crowdfunding viele bescheidene Beträge innovative Unternehmensgründer mit Seed-Money versorgen, so kann auch eine globale Emissionsbank von Mini-Eigentümern getragen werden und sich gerade dadurch höchste Transparenz erlauben.