Goldstandard und die Hoffnungen der österreichischen Schule2014-11-04T16:03:39+00:00

zur Übersicht der Antworten
 
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 04.11.2014:

Ein Goldstandard ist dadurch gekennzeichnet, dass die Geldnoten nicht mit einer Vielzahl von Vermögensvarianten besichert werden dürfen (Immobilien, Wälder, Felder, Seen, Aktien etc.), sondern allein mit Goldvermögen gedeckt, also gegen physisches Goldvermögen einlösbar sind. Gold ist gleichwohl nicht automatisch aus sich heraus Geld, sondern kann zur Generierung von Geld erst beitragen, wenn es einen Eigentumstitel hat, also für die reinen Businessoperationen des Bepreisens, Belastens, Verpfändens, Kreditierens, Verzinsens, Verkaufens und Vollstreckens aktivierbar ist.
Wo nur Besitz existiert, Eigentum aber fehlt, kann Gold (wie in der mykenischen Feudalgesellschaft) zu Totenmasken oder (wie im Inkareich) zu Priesterpektoralen verarbeitet werden und höchstes Prestige verleihen. Als aber mit den Spaniern farbige Glasperlen eintreffen, die in der Neuen Welt niemand machen oder finden kann, verleihen sie noch mehr Reputation, weshalb Gold bereitwillig für sie hergegeben wird. Als man an der Universität von Salamanca über die Menschenqualität der neu entdeckten Indios diskutiert, argumentiert deshalb die antimenschliche Fraktion bekanntlich mit den beiden Beobachtungen, dass die Frauen nackt herumlaufen und Gold kein Geld ist. Indem sie Gold und Geld gleichsetzen, verstehen die Spanier ihr eigenes Geld nicht, weil sie ihre heimische Eigentumsgesellschaft mit ihren Potenzen des Kredits nicht unterscheiden können von der jetzt angetroffenen Besitzgesellschaft, die nur Befehl, Planproduktion und Verteilung kennt.
Ein Goldstandard braucht aber nicht nur Eigentum zusätzlich zum Besitz, sondern funktioniert erst, wenn der Preis des notenbesichernden Goldvermögens gepflegt wird. Ist der Preis für ein Gramm Gold etwa bei einem Pfund fixiert, ist eine Pfundnote gegen ein Gramm Gold einlösbar. Die Halter solcher Pfundnoten werden sie aber aus der Zirkulation ziehen, wenn der Marktpreis für ein Gramm Gold auf – sagen wir – zwei Pfund steigt. Sie werden dann ihre Pfundnote gegen ein Gramm Gold einlösen und dieses auf dem Markt für zwei Pfundnoten verkaufen. Die Emissionsbanken müssen deshalb durch Goldverkäufe dafür sorgen, dass der Marktpreis nahe bei einem Pfund bleibt, um nicht durch Einlösungen ruiniert zu werden. Diese Operation kann misslingen, weil Gold nicht beliebig vermehrbar ist und deshalb womöglich gerade dann fehlt, wenn es für das Erreichen des Ausgangspreises auf den Markt geworfen werden muss. Es muss dann mit überbesicherten Pfundnoten gearbeitet werden, was zur Preisdeflation führt, weil die Halter und Annehmer der Noten um diese Überbesicherung wissen und sie einpreisen.
Für den Fall, dass der Marktpreis für ein Gramm Gold auf – sagen wir – ein halbes Pfund fällt, ist die Währung unterbesichert. Kunden wollen ihre Pfundnote dann nicht mehr für ein Gramm einlösen und sie auch nicht in generellen Kaufoperationen einsetzen, weil sie mit ihr jetzt auf dem Goldmarkt zwei Gramm kaufen können. Andere Warenverkäufe werden erschwert. Unternehmer landen dadurch im Ruin, während die unproduktive Goldspekulation blüht. Die Emissionsbanken müssen deshalb durch Goldankäufe erreichen, dass der Preis pro Gramm wieder nahe an ein Pfund hochgetrieben wird. Nur das kann die Noten in der Zirkulation halten.
Nun gibt es nicht nur mit Goldeigentum besicherte Währungen, sondern auch aus genau gewogenen Goldmengen gefertigte Geldnoten. Vor allem für den Fernhandel erweist sich eine mit einlösbarem Vermögen gedeckte Währung, deren Bargeldmaterial im Preis nahe Null liegt, als Nachteil, weil die fremden Annehmer, die für solche Noten etwas verkaufen (also Vermögen hergeben), praktisch nicht in der Lage sind, die intrinsisch fast wertlose Note am Emissionsort in das sie besichernde Vermögen einzulösen. Wenn etwa ein Korinther als Fremder in Athen nicht über Grundeigentum verfügen darf, kann er dort von ihm akzeptierte Noten auch nicht in geldbesicherndes Grundeigentum einlösen.
Um dennoch Fernhandel treiben zu können, wird das geldbesichernde Goldvermögen gewissermaßen gleich an die Note angeklebt, woraus sich die Edelmetallmünze ergibt. Auch das funktioniert nur, wenn der Goldpreis stabil bleibt. Selbst wenn das der Fall ist, wird durch Wippen und Klippen von der Goldmünze etwas abgefeilt und gesondert verkauft, wodurch der Münzverleiher bei Tilgung durch seine Schuldner von diesen weniger Goldvermögen zurückbekommt als er in Umlauf gegeben hat und so womöglich ruiniert wird. Steigt aber der Goldpreis, wird die Münze eingeschmolzen und als Goldware verkauft oder es kommt wiederum zur Deflation der Preise, weil alle Marktteilnehmer um das Steigen des Goldpreises der Münze über ihren Nennwert hinaus wissen.
Überdies hat das Ankleben des besichernden Vermögens an die Geldnote den Nachteil, dass seine Besitzseite mit in den Umlauf geht und nicht genutzt werden kann. Das Gold lässt sich nicht einmal mehr in einen samtausgeschlagenen Kasten legen, wo man es für eine Gebühr bewundern kann. Besichert man hingegen das emittierte Geld mit Vermögen in Form von Gebäuden, Gerstenäckern oder Viehweiden, so blockiert man nur ihre Eigentumsseiten, für deren Verfügungsverlust man Zins erhält. Gleichzeitig aber kann man die physischen Besitzseiten der Vermögen weiter nutzen, also in den Bauten wohnen und produzieren, die Getreideernten einfahren oder die Kühe melken und schmackhaften Käse gewinnen.
Volkswirtschaftlich zeigen sich im Geldsystem also solche Vermögensarten als dynamisch überlegen, die zeitgleich zur Geldbesicherung aus ihren Eigentumsseiten zusätzlich auf ihren Besitzseiten ungehindert weiter für die Warenproduktion genutzt werden können. Edelmetallvermögen eignet sich dazu am allerschlechtesten.
Weil Geld – in deutlichem Widerspruch zu den neoklassischen Schulen bis hin zu ihren österreichischen Varianten – gerade kein physisches Besitzgut, sondern eine Forderung gegen die rechtlich-unphysische Eigentumsseite des Vermögens seines Emissionärs darstellt, wird es automatisch dadurch knapp gehalten, dass der Emissionär erstklassiges Vermögen (Eigenkapital) für die Besicherung seiner Währung aktivieren muss und das Vermögen, aus dessen Eigentumsseite sein Schuldner in voller Höhe der Summe aus Leihvolumen plus Zins Pfand stellt, ebenso erstklassig ist.
Da für eine genuine Geldschaffung immer Gläubiger die Eigentumsseiten ihrer stets begrenzten Vermögen blockieren und zugleich immer Schuldner Pfand, Zins und Vollstreckung aus ihren ebenso begrenzten Vermögen zusagen müssen, ist Geld knapp. Methoden zu seiner weiteren Verknappung sind durchweg kontraproduktiv. Wenn bestens mit Pfandmasse versehene Unternehmen für die Verteidigung ihres Vermögens durch innovative Betriebsmodernisierung oder durch von der Konkurrenz erzwungene Umrüstung plötzlich Kredit benötigen, aber nicht bekommen, weil allein Gold als Bares gilt und nicht ausreichend zur Verfügung steht, reißen die Kreditketten, und viele daran hängende Betriebe gehen unter. Solon hat sich den Ehrentitel eines Weisen verdient, weil er solche Beschränkungen des Wirtschaftens überwinden wollte.
Knapp ist immer die Bereitschaft, Eigentum zu verpfänden, also für die Vollstreckung vorzuhalten. Deshalb darf das Bargeld – also die Forderung gegen das geldbesichernde Eigentum des Geldschaffers – niemals aus einem Material angefertigt werden, das unvorhergesehen knapp werden kann und aus diesem Grund Marktoperationen unmöglich macht. Noch besser als Papier eignet sich als Bargeld deshalb ein kostenloses digitales Signal.
Prekär – und das gänzlich unabhängig von der Bargeldmaterie – wird das Geldsystem, wenn seine für Knappheit sorgenden Eigentumsgrenzen umgangen werden. Das geschieht, wenn Zentralbanken schlechte, also mangels Steuermasse nichtbedienbare Staatschulden im geldbesichernden Eigenkapital halten und/oder solche Titel mit beliebig aufdruckbaren Nennwerten von den Geschäftsbanken als Pfand für frisches Geld in Höhe dieses Aufdrucks hereinnehmen. Dieses Problem spürt unter den neoklassischen Richtungen die österreichische Schule von Friedrich Hayek bis Ludwig von Mises besser als andere. Sie verkennt aber die Lage, wenn sie glaubt, die zugrundeliegende Eigentumsaushebelung sei mit Barem aus Goldmetall überwindbar.
Man muss das Geldsystem durch Bestehen auf erstklassigem Vermögen in – gegen Zinseinkünfte belasteten – Eigenkapitalen der Emissionsbanken und Insistieren auf nicht minder guten Pfändern der Schuldner heilen statt es abzuschaffen. Niemandem – außer Goldspekulanten – ist geholfen, wenn die dynamischen Potenzen der Eigentumsökonomie dadurch zerstört werden, dass man mit marktbremsenden und schwer beschaffbaren Metallen operieren soll, die zu dem prinzipiell nicht vorhersehbaren Kreditbedarf preisverteidigender Unternehmen in keinerlei Beziehung stehen.

This website uses cookies and third party services. Please read our disclaimer and privacy policy. Ok