Höchste Margin-Verschuldung der Weltgeschichte: Trotzdem nur 0,4 statt 2,0 Teuerung im Euro-Raum2014-09-05T15:57:47+00:00

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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 04.09.2014:

Die Nullzins-Geldvergabe der Zentralbanken soll Geschäftsbanken dazu verführen, in Preissteigerungen zu investieren. Vier Prozent bringende Vermögen werden nicht gekauft, wenn auch bei der Zentralbank vier oder mehr Prozent entrichtet werden müssen. Bei 0,1 Prozent aber können sich die Preise von Vermögen verdoppeln (Ertrag dann noch 2%) oder auch vervierfachen (Ertrag noch 1%) und es bleibt immer noch etwas hängen. An den Börsen werden deshalb welthistorische Höchstpreise erzielt. Die Kurse kurzfristiger deutscher Staatspapiere sind so durch die Decke, dass ihr Ertrag unter 1 Prozent liegt, sie aufgrund der Differenz zu den noch geringeren Zentralbanksätzen aber auch dann noch etwas bringen.
Diese Preisspitzen für Aktien und verbriefte zukünftige Steuereinnahmen (Staatspapiere) kontrastieren aktuell mit einer leichten Rezession in Deutschland, einer Dauer-Stagnation in Frankreich und einer italienischen Wirtschaftsleistung auf Höhe des Jahres 2000. Die drei stehen für 65 Prozent der Ökonomie im Euro-Raum.
Nicht weil Unternehmen Output, Produktivität und Innovationskraft steigern und die Steuerzahler deshalb glänzend verdienen, steigen die Preise, sondern weil Händler über die Nullprozentangebote an die Zentralbanktresen gelockt werden. Niemals zuvor in der Geschichte standen sie so tief in Margin-Krediten (für Gewinne aus Ertragsdifferenzen) wie heute. Die Vorcrash-Niveaus von 2000 und 2007 sind noch einmal gewaltig überboten worden, wie die New York Stock Exchange am 25. August meldet (Tabelle hier).
Weil die Vermögenspreise nicht die Wirtschaftsleistung spiegeln, sondern aus künstlicher Inflation zum Abbremsen von Deflation resultieren, muss die Angst vor ihrem Fallen allgegenwärtig bleiben. Weil zugleich Wirtschaftsleistung und Masseneinkommen stagnieren, können die Verbraucherpreise nur sinken. Allen zentralbanklichen Wunderinstrumenten zum Trotz erreichen sie nicht die angestrebten 2,0 Prozent. Man ist im Euro-Raum bei sinkender Tendenz im September 2014 auf 0,4 Prozent herunter.
Fallen auch die Preise von Aktien und Bonds, eliminiert das die Eigenkapitale, in denen diese Titel stecken oder aus denen die Investments für sie abgesichert werden. Ein großer Teil der Unternehmen im OECD-Raum wäre dann ausgelöscht. Deshalb kann die Nullzinspolitik nicht aufhören. Und solange die Nullzinspolitik läuft, sind alle Händler wegen der Konkurrenz untereinander zum Zugreifen genötigt. Wenn dieser Hedgefond mit dem Nullzinsgeld glänzend fährt, aber jener aus Angst vor der Hyper-Deflation morgen nicht mehr mitmacht, ist er gleich heute raus aus dem Geschäft. „Solange die Musik [des Nullzinses] spielt, musst du aufstehen und tanzen. Noch tanzen wir.“ (Financial Times, 10-07-2007). Diese Beschreibung der Konkurrenz unter Banken durch den Citigroup-Chef Charles “Chuck“ Prince vor dem Crash von 2007/2008 bleibt ungebrochen gültig. Mit ihren Verfluchungen der Investmenkbanker, die nichts an die „Realwirtschaft“ weiterreichen, zeigen die Politiker, Wirtschaftswissenschaftler und Kommentatoren lediglich, dass sie die Tarantella nicht verstehen, deren Takt in den Zentralbanken geschlagen wird.

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