Konkurrenz der Zentralbanken2014-09-08T14:09:49+00:00

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User Jürgen Clasen fragt im Malik Blog am 5. September 2014:
„Nehmen wir mal an, die alten und neuen Beschlüsse der EZB werden in einen Reisekoffer gepackt. Können Sie, Herr Prof. Malik bzw. Prof. Heinsohn, einmal den weiteren Reiseverlauf dieses ‚Koffers‘ beschreiben unter der Annahme, dass künftig nichts ausgelassen wird? Also auch QE von Staatsanleihen. Geraten wir in einen Schrumpfschlauch, der sich immer mehr zuzieht und wir am Ende an den gut gemeinten Maßnahmen ersticken?“
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 08.09.2014:
Will man eine Inflation brechen, setzen Zentralbanken die Zinsen hoch, damit Geschäftsbanken beim Weiterverleihen ihren Firmenkunden prohibitiv hohe Sätze abverlangen müssen. Zugleich akzeptieren Zentralbanken ausschliesslich erstklassiges Kollateral und lassen sich nur auf sehr kurzfristige Kreditfristen ein. Nicht zuletzt erhöhen sie die Mindestreserven, um den Banken Kapital für das Besichern weiteren Ausleihens zu nehmen. All das soll wirtschaftliche Aktivität – also das Eingehen von Schulden als Basis fürs Investieren – verlangsamen.
Will man eine Deflation brechen, wird darauf gerechnet, dass man nur das glatte Gegenteil dessen machen müsse, was gegen eine Inflation zum Einsatz gekommen ist. Man drückt die Zinsen gegen null, man nimmt drittklassige Sicherheiten herein, man erwirbt in Direktankäufen Schrott und man streckt Kreditfristen von Wochen auf Jahre.
Allerdings wird so nur die Zentralbank beschädigt, während die Deflation munter weiterläuft. Allein im Euro-Raum sinkt die Inflation zwischen Juli 2014 und August 2014 noch einmal um ein Viertel von 0,4 auf 0,3 Prozent. Zugleich meldet die OECD, dass zwischen dem ersten Quartal 2009 und dem vierten Quartal 2013 im selben Euro-Raum die Realeinkommen, aus denen Preissteigerungen bezahlt werden könnten, nicht etwa gestiegen, sondern durchschnittlich um ein knappes und in der Spitze sogar um über 10 Prozent gefallen sind (http://www.oecd.org/els/emp/oecdemploymentoutlook.htm). Da die Zahl der Beschäftigen ebenfalls sinkt, ihr Durchschnittsalter steigt und ihre Qualifikation stagniert oder abnimmt, drückt hier eine Last für mehr Deflation, nie und nimmer aber für die erhoffte Inflation.
Aus dieser Verzweiflung geht Draghi am 4. September mit dem Diskont noch einmal um ein volles Drittel von 0,15 auf 0,05 herunter und offeriert das Ankaufen der Kredite von Geschäftsbanken an Firmenkunden, damit die Furcht vor dem Ausleihen an diese Akteure der „Realwirtschaft“ reduziert wird. Bei dem Bankrott solcher Kunden muss die Zentralbank nun aber selbst die preislich abgerutschten Pfänder verkaufen und die dabei anfallenden Verluste aus dem Eigenkapital glattstellen, das dann von den Steuerzahlern wieder aufzufüllen ist.
Draghi weiss, dass mit solchen Schritten die Europäer nicht zahlreicher werden. Er versteht auch, dass die Verbliebenen sich nicht plötzlich verjüngt und innovativer in den Wettbewerb werfen, sondern immer betulicher und ängstlicher agieren. All diese lebenswichtigen Strukturen sind seit seinem Amtsantritt am 1. November 2011 erbarmungslos und unaufhaltsam morscher geworden. Am 1. November 2017 werden sie durch noch mehr Gebrechlichkeit verstören.
Und doch gibt es Logik hinter den jüngsten EZB-Maßnahmen. Ihre Schlüssigkeit resultiert aus den Anforderungen des Last Man Standing. Die Konkurrenz unter Zentralbanken erzwingt, dass immer alle die Schritte der Taktgeber – seit 1995 die Bank of Japan, seit 2002 zusätzlich die Federal Reserve und seit 2008 fast alle übrigen im OECD-Raum – mitgehen. Werden in einem Wirtschaftsraum Geschäftsbanken und Unternehmen durch Nullzins und den Ankauf von Firmenkrediten über Wasser gehalten, kann man den Banken und Firmen in konkurrierenden Wirtschaftsräumen diese Medizin nicht vorenthalten. Man muss sie ihnen vor allem dann verabreichen, wenn die Gegner kompetenter (Ostasien) oder jünger (USA) in die Konkurrenz eintreten.
In der Logik des Last Man Standing hätte Europa die Zentralbankdrogen sogar zuerst und am süffigsten bekommen müssen; denn man liegt bei der Vergreisung global vorne und steht bei der Dequalifizierung kaum besser da als die USA. Aus diesen Gründen muss eine zweite Logik greifen: Was ich persönlich nicht mehr schaffe, verschafft mir mein Geld!
Wenn daheim für Cutting Edge-Industrien die Erfinder und Top-Arbeitskräfte fehlen, kann man sich solche Edelfirmen immer noch kaufen. Bekommen nun Investoren in einem absinkenden Wirtschaftsraum Nullzins-Geld und gehen damit auf Einkaufstour in Emerging Markets, wo die Zentralbanken 5 oder auch 10 Prozent verlangen, schlägt man dortige Kaufwillige mühelos aus dem Feld. Zentralbankdrogen aus der Ersten Welt eignen sich mithin erstklassig für eine globale Umverteilung von Firmenvermögen. Und zwei im Gleichschritt aus der Weltspitze zurückfallende Räume werden sehr schnell ungleich, wenn sich einer aufgrund einer ruchloseren Zentralbank die industriellen Perlen der übrigen Welt auf die hohe Kante legen kann. Auch bei diesem Wettlauf zwischen den Alten kommen Draghis Schritte für das Ausgleichen der europäischen Handicaps eher zu spät als zu früh.