Kontingente und Kompetenzen in der Einwanderungspolitik: Zum Schweizer Votum vom 9. Februar 20142014-02-18T11:40:24+00:00

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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 13.02.2014:

Den entscheidenden Faktor für den Erfolg ihrer Firma können Unternehmer nicht von ihresgleichen beziehen, weil Arbeitskräfte nicht von der Zulieferindustrie kommen. Obwohl Kompetente überall knapp sind, kann man ihr Angebot nicht einfach hochfahren. Dagegen sind Unqualifizierte in immer größeren Kontingenten zu haben, obwohl sie niemand nachfragt. So können die OECD-Länder bis 2020 rund 35 Millionen ihrer Bürger nicht unterbringen, zugleich aber 18 Millionen Könner innerhalb der eigenen Grenzen nicht finden (McKinsey 2012). Deshalb ist die Nervosität in der Wirtschaft verständlich, wenn der ohnehin ungewisse Zugriff auf Arbeitskräfte irgendeine Veränderung erfährt – wie etwa durch das Schweizer Volksbegehren am 9. Februar 2014.
Wie schwierig sich die von den Unternehmen kaum beeinflussbare Lage darstellt, zeigt sich auch daran, dass heute auf den Arbeitsmärkten sogar Leute scheitern, die bessere Zeugnisse als 1965 vorzeigen können. Das liegt daran, dass damals für die Hälfte der Arbeitenden leicht erlernbare Fähigkeiten ausreichten, während in Zukunft nur noch 15 Prozent damit durchkommen.
In PISA-Tests, die den Könnern von morgen auf der Spur sind, muss man deshalb die Scheiternden ebenfalls unter 15 Prozent halten. Der global achte Rang der Schweiz von 2012 bei Matheversagern (12,4% mit ungenügend oder schlechter) wird nur von Ostasiaten sowie Finnen und Esten unterschritten. Das beweist eine sehr wählerische Immigrationspolitik, denn die bis 1960 vermutlich gleich guten Deutschen schneiden mit 17,7% deutlich schlechter ab, ohne Zuwanderer mit 12,8% aber fast genauso gut wie die Schweizer. Sie werden von ihren Immigranten also heruntergezogen, während die Eidgenossen zulegen. Die USA erleben mit 26% ein niederschmetterndes Fiasko.
Für künftige Innovationen entscheidend sind aber die guten und sehr guten Schüler. Auch hier schafft die Schweiz mit 21,5% einen achtbaren 9. Platz (D: 17,5%; USA: 8,8%). Seit 2008 wissen wir, dass Intelligenz keinen abnehmenden Grenznutzen hat (Park,  Lubinski und Benbow in Psychological Science). Die besten fünf Prozent können also keineswegs alles. Doch die Viertelprozent-Gruppe 99,75-100% hat mehr Patente, Meisterwerke und Nobelpreise als die Gruppe 99,00-99,25%.
Bei einem brainpower genannten Edel-Destillat erringt die Schweiz sogar den 5. Rang (4,25% der Bevölkerung), den wiederum nur Ostasiaten übertreffen (Südkorea: 4,4%; Taiwan: 5,85%; Hongkong: 6%; Singapur: 9,1%). Deutlich dahinter enden wiederum Deutschland mit 2,6% und die USA mit 1,7% (alles 2013 ermittelt im Duke University Talent Identification Program).
Nun kann es einer Stadtrepublik gleichgültig sein, woher ihre Könner kommen, weil ungebührlich zu verfremdende Landstriche ohnehin fehlen. Bunte Vielfalt, die von unterschwelliger Gewalt frei ist und gescheiten Charme ausstrahlt, macht urbane Räume in jedem Falle schöner. Ähnlich geht es Metropolen in Riesenländern wie Kanada. Dort kann man unverfälschte Traditionen auf Millionen von Quadratkilometern bewundern, während sich gleichzeitig die sechs Millionen Menschen in Greater Toronto in 140 Muttersprachen verständigen, zur Hälfte im Ausland geboren sind und mit einem Durchschnittsalter von 37 Jahren die Gesamtnation (41) alt aussehen lassen.
Kein Fehler westlicher Kontingentpolitik wirkt im Rückblick gravierender als der Ausschluss von Ostasiaten. Zuerst kassiert Kanada Privilegien für ethnisch genehme Gruppen. Nachdem der Nationalismus als Standortnachteil erkannt ist, wird massiv umgesteuert. Wenn heute bereits 11 Prozent aller Einwohner Torontos Chinesen sind, dann liegt das jedoch keineswegs an neuen Vorlieben, sondern am Vorrang von Können vor Herkunft.
Die Schweiz mit ihren 8,1 Millionen Einwohnern ist ein Hongkong (7,2 Mill.) oder ein Singapur (5,4 Mill.) mit Hinterland, dessen Bewahrer auch etwas für Zürich und Basel leisten. Doch aus der eigenen Vermehrung können alle drei nicht überleben. Beim Abwerben ihrer jeweils Besten stehen sie gegen Konkurrenten aus 45 „sterbenden“ Nationen, die bei Fertilitätsraten unter 1,7 den war for foreign talent als gegenseitige Kannibalisierung betreiben müssen.
Gleichwohl ist die Einwanderungspolitik Kanadas oder Singapurs nicht wirtschaftsfreundlich. Ottawa verhält sich zur Nation eher wie ein Vater, dessen Kinder wegen Unvorhersehbarkeit der Zukunft einmal mehr können müssen als er selbst. Die berühmte 67 Punkte-Vorgabe soll diejenigen finden, die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen, die selbst der klügste Immigrationsminister nicht kennen kann. Nur 10 Punkte gibt es deshalb für ein Stellenangebot oder für eine bereits begonnene Beschäftigung vor Ort. Doch 24 Punkte für hohe Sprachkenntnisse, 25 für erstklassige Bildungsabschlüsse und noch einmal 20 für schnelles Hochklettern auf der Karriereleiter im Heimatland bescheren den neuen Pass.
Man kann schließlich einen Einwanderer nicht einfach wieder ausbürgern, wenn sein Arbeitgeber bankrottiert oder neue Technologien seine enge Ausbildung hinfällig machen. Er bleibt ein Mensch mit seiner Würde, den die Mitbürger nun versorgen müssen.
Man sucht deshalb Köpfe, die jederzeit und selbständig ihre Qualifikation auf Stand bringen können. Die Regierung dient mithin nicht Einzelfirmen, sondern als eine Art Gesamtbürger der ganzen Nation. Nur sie kann die Instanz sein, die auf nachhaltige Kompetenz achtet und dafür auch Einzelnen auf die Füsse tritt.
Gleichwohl wäre die vorrangig gesuchte Gruppe als Kompetenz-Kontingent fehlbezeichnet. Denn auf Obergrenzen wird gerade verzichtet. Die Schweiz muss jährlich rund 40.000 Ungeborene kompensieren. Stehen nun 50.000 Asse vor den Passbehörden, würde man bei Fahren einer kanadischen Linie dennoch alle nehmen. Niemand weiß doch, ob im Jahr drauf auch nur 20.000 Schlange stehen und gerade aus den 10.000 oberhalb eines Limits könnten sich die Tüftler für das Verbleiben in der Weltspitze rekrutieren.