Zur Liquiditätspräferenzlehre von J.M. Keynes2012-08-11T13:12:20+00:00

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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen, 11.08.2012:
Keynes Leistung, die ihn über alle Ökonomen ausser James Steuart mit An Inquiry into the Principles of Political Oeconomy (1767) hinaushebt, ist seine 88 Jahre alte Erkenntnis, dass der Zins kein Güterphänomen ist, dass also alle neoklassische Theorie (ungeachtet ihrer mehr als 70 Nobelpreise) unzutreffend ist: “There is, I am convinced, a fatal flaw in […] the orthodox reasoning […]; the flaw being largely due to the failure of the classical doctrine to develop a satisfactory theory of the rate of interest.” (*1)
Es ist nämlich kein Güterverlust: beim Verleihen einer Kuh verliere der Gläubiger Milch, wofür ihn sein Schuldner seinerseits mit Zins wiederum in Form eines Gutes (z.B. ebenfalls Milch) entschädigen müsse.
Keynes eigene Antwort auf die Zentralfrage der Wirtschaftswissenschaft „Welchen Verlust des Gläubigers muss der Schuldner mit Zins ausgleichen?“ ist durch eine besondere Facette überlegen, weil er sich einen Verlust vorstellen kann, der immateriell, also unphysisch ist. Halte ich Geld bei mir, dann wirft es einen besonderen Ertrag ab und zwar die Sicherheit, jederzeit auf es zugreifen zu können bzw. flüssig (liquide) zu sein. Diese Liquiditätsprämie (Ertrag an Sicherheit), Keynes spricht ersatzweise auch von „Komfort“, ist gewiss essentiell, gleichwohl aber unkörperlich, also ganz etwas anderes als – bleiben wir in unserem Beispiel – der Verlust von zehn Litern Milch.
Für des Gläubigers Verlust an Komfort jederzeitiger Flüssigkeit also müsse nach Keynes – der Borger des Geldes Zins bezahlen. Für den Verlust seiner Liquiditätsprämie bei Verleihen seines Geldes nun erhalte im Gegenzug der Gläubiger zinstragende Titel, also Staats-oder Firmenschuldscheine. Diese Titel werden von Geldhaltern gesucht, weil sie zinstragend sind. Und dabei rutscht Keynes in ein zirkuläres Argument. Denn für die Umwandlung von Liquiditätsprämie in Zins muss er den zinstragenden Titel voraussetzen.
Viel schlimmer jedoch: Auch das Geld, das man zinslos, aber für unphysische Liquiditätsprämie halten oder bei Verlust dieser Prämie in Zinstitel anlegen kann, wird einfach vorausgesetzt.
Die Frage „Where does the money come from?“ bleibt bei Keynes mithin unbeantwortet. Er spürt, dass Geld kein Gut ist, aber er kann nicht angeben, was es stattdessen ist. Er beobachtet scharfsinnig, was mit bereits vorhandenem Geld gemacht werden kann. Er beobachtet also sein Weiterverleihen, aber nicht seine Schaffung für die Erstverleihung.
Wir können es uns so leicht nicht machen. Wir müssen also auch das Geld erklären und zeigen, welcher Verlust bei seiner für die Verleihung erfolgenden Schaffung anfällt, der dann mit Zins auszugleichen ist. Keynes kann aus seiner vollkommen berechtigten Ablehnung der neoklassischen Gütertheorie des Zinses nichts machen, weil er – und da bleibt er im neoklassischen Niveau stecken – zwischen Eigentum und Besitz nicht unterscheiden kann. Er hat niemals nach diesem Unterschied gefragt.
Doch gerade im Eigentum liegt uns ein wiederum unphysischer Titel – also ein reiner de jure-Posten – vor, der bei der Schaffung von Geld für die Besicherung eben dieses Geldes belastet, also unfrei gemacht werden muss. Durch diese Aktivierung von Eigentum für die Geldbesicherung wird die Dispositionsfreiheit über Eigentum verloren.
Wir nennen das den Verlust von Eigentumsprämie. Sie fließt aus unbelastetem Eigentum, kann aber qua Belastung temporär aufgegeben bzw. verloren werden. Es kann nicht weiter belastet oder gar verkauft, sondern muss vorgehalten werden. Und es ist dieser Verlust an Eigentumsprämie, an Verwendungsfreiheit über das Eigentum, der durch Zins auszugleichen ist. Doch während dieser Verlust erlitten wird, bleibt die physischer Besitzseite des Gläubigervermögens vollkommen unbeeinträchtigt. Besteht also das Vermögen der Emissionsbank – wir bleiben bei unserem Beispiel – aus einer Viehweide, dann wird während der Belastung seiner Eigentumsseite für die Besicherung des Geldes mit der Nutzung seiner physischen Besitzseite ungestört fortgefahren. Der Gläubiger melkt seine Kühe weiter. Nicht ein einziges Tier wird wegbewegt. Die Milch bleibt bei ihm. Er erleidet keinerlei Güterverlust. Die Gütertheorie des Zinses, die Nobelpreistheorie mithin bleibt so falsch, wie schon Keynes das gespürt hat, aber wegen seines Verzichts auf die Unterscheidung von Eigentum und Besitz nicht erklären konnte.
Geld ist also ein Eingriffsrecht gegen die Eigentumsseite des Gläubigervermögens. Der zinsbegründende Verlust fällt in dem Moment an, in dem Geld mit dieser Seite besichert, Eigentum also unfrei wird.
Zins entsteht mithin bei der Geldschaffung. Er ist der Preis für das Unfreimachen von Eigentum. Gegen die Güterzinstheorie der Neoklassik und die monetäre Zinstheorie von Keynes steht hier nun die Eigentumserklärung des Zinses.
 

(*1) Keynes, J.M.: „Poverty in Plenty: Is the Economic System Self-Adjusting“ in: The Collected Writings of John Maynard Keynes, 1934. Volume XIII: The General Theory and After. Part I: Preparation, London: Macmillan, 1973. S. 485-492 / 489.

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