Nördliche Strategie für frischen Optimismus in Europa2014-07-29T08:53:56+00:00

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Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 28.06.2014:

Finnland steht schutzlos vor dem unberechenbaren östlichen Nachbarn. Nervöser sind nur noch die nahe gelegenen Esten. Obwohl sein einstiger Weltmarktführer NOKIA verkauft ist, subventioniert es die EU-Südschiene weiter und gehört auch bei der Eurorettung zu den Draufzahlern.
Schweden – einst für seine waffenmächtige Neutralität gerühmt – könnte auf sich gestellt nur eine Woche militärisch durchhalten, wie sein Generalstabschef Sverker Göranson im Januar 2013 verkündet. Als russische Bomber sein Land mit einem Scheinangriff einschüchtern, steigen NATO-Abfangjäger auf, während die königliche Saab-Maschine am Boden bleibt.
Da Norwegen und Dänemark zum Nordatlantik-Pakt längst gehören, wird nun auch in Helsinki und Stockholm über einen Beitritt nachgedacht. Doch was taugt das Bündnis noch, wenn selbst das loyale Polen bzw. sein Außenminister Radek Sikorski einräumt, dass Amerikas Hilfe im Notfall ausbleiben wird. Warum sollten Kopenhagen und Oslo mehr Zutrauen zu Washington haben? Gleichwohl braucht es Macht für die Sicherheit auf einem Planeten mit 9 Milliarden Menschen im Jahre 2050.
Island hat die Verhandlungen mit der EU abgebrochen. Man will sich dem Brüsseler Kollektivismus nicht unterwerfen, wäre einer tragfähigen Bindung dennoch nicht abgeneigt. Doch mit wem könnte man die eingehen?
Die Niederländer sehen Europa ähnlich wie die Finnen. Man zahlt zähneknirschend und sieht doch, dass die Nehmenden immer mehr verlangen müssen. Doch wenn sich ein Ausweg frei von nationalem Chauvinismus böte? Nicht nur gegen islamistische Vorstöße, sondern für etwas Konstruktives auf längere Dauer?
Arabische Judenmörder töten bis hinein nach Antwerpen. Flandern will weg davon, gibt mangels einer vielversprechenden Richtung aber auch Rückwärtsgewandten Auftrieb. Die wären heilbar, wenn eine realistische Perspektive das Eigenständige mit etwas Tragfähigem verbände.
Viele Schotten wollen nicht britisch sein, aber bei Europäern bleiben, die ihnen viel unbekümmerter die Luft zum Atmen nehmen. Die Clyde-Häfen mit den vierzehn Atom-U-Booten aber will – angesichts nuklearer Bedrohung aus immer mehr Drittwelt-Diktaturen – niemand wirklich preisgeben. Auch Pfund und Königin sollen bleiben. Wie kann Edinburgh alleine gehen, ohne isoliert zu enden?
London beherbergt von den weltweit zehn größten Banken nicht mehr – wie 2010 – drei, sondern gerade noch eine, die als Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) überdies als Fremdgewächs den Aufstieg schafft. Singapur, Hongkong, Shanghai und auch wieder New York wetteifern darum, die globale Finanzmetropole immer weiter abzuhängen. Wenn Schottland die Trennung vollzieht, geht auch der Platz im fünfköpfigen UNO-Sicherheitsrat verloren. Die Nuklearflotte wird dann nicht nur unbezahlbar, sondern verliert auch ihre Ankerplätze. In Brüssels bodenlose Fässer wollte man noch nie zahlen. Das EU-Monster macht lemmingmäßig weiter. Die Aufforderung nach einem neuen Gesicht an der Spitze und Reformwünsche des britischen Premiers werden am 27. Juni 2014 lässig abgeschmettert. Ungebrochen erbost die international orientierte Insel wie Konkurrenten à la Schweiz, Australien oder Kanada überall Talente abwerben und aufgrund der Macht über ihre Grenzen Unerwünschte problemlos draußen halten, während man selbst fast jeden nehmen und versorgen muss. Man will seine Souveränität zurück, aber wozu soll die noch gut sein in einem Rumpfengland?
Frischen Mut fasst Irland, dem von neuem amerikanische Firmen zulaufen, die daheim die Gewinnsteuern für das Versorgen von immer mehr Hilflosen vermeiden müssen, um im Wettbewerb mit Ostasien nicht weiter abzusacken. Dublin will zwar Europas Gelder, fürchtet aber Neider, die im Gegenzug seine Standortvorteile zunichtemachen.
Gemeinsam teilen alle elf Zaghaften einen Großraum, der mit wenigen landgebundenen Grenzen leicht abzuschirmen ist. Durch ihr Zusammengehen erwüchse aus der Summe ihrer Probleme eine Lösung, die im Alleingang nicht zu haben wäre. Von Grönland bis Estland und von den Färöern bis nahe Hamburg leben an Ostsee, Nordsee und Atlantik auf 3,83 Millionen km2 knapp 120 Millionen Menschen. Das sind drei Kanadas oder fünf Australiens, deren Effektivität und Immigrationspolitik man endlich nacheifern kann. Stetig verfügbare Energie aus Wasserkraft, Gas und Öl machen woher auch immer kommende Boykottversuche aussichtslos. Hinter China und Amerika wetteifern sie mit Japan um die globale Bronzemedaille. Eine gut gemachte gemeinsame Währung wird machbar und zwei Flugzeugträger-Verbände für die Freiheit der nun gemeinsamen Meere werden endlich auch bezahlbar.

Fast alle Menschen im Norden beherrschen Englisch als Mutter- oder als obligatorische Zweitsprache. Man kennt sich aus europäischen und atlantischen Gremien. Bereits seit 2011 diskutiert man im Northern Future Forum gemeinsame Vorhaben. Warum sollte die Schaffung und Ausgestaltung einer Northern Union nicht dazugehören?

Bei den Geburtenzahlen liegen die Länder schon jetzt etwas besser als die übrigen Vergreiser (1,6 und höher gegen 1,3 – 1,4 in D und Osteuropa). Als zukunftsträchtige Region, die militärisch potent ist und deshalb auch einmal anderen helfen kann, wird man Talente für eine positive demografische Bilanz schon anziehen.

Alle in Europa und auch viele, die dort verlässliche Partner suchen, gewinnen durch einen solchen multinationalen, überkulturellen und doch fest eingehegten Raum. Die zu ihm Gehörenden können ihre Eigenheiten pflegen und – selbst nach Binnentrennungen mit dann eigenem Parlament sogar für Engländer – in einem Verband bleiben. Erst dessen Wehrfähigkeit macht all die ethnischen Besonderheiten vergnüglich auslebbar. Uraltdemokraten des Kontinents wie die Eidgenossen finden einen Freund, der bei wohlfeilem Kesseltreiben nicht mitmacht, ja aggressive Bedränger zur Zurückhaltung mahnt. Das kann auch ihre Nachbarn von Süddeutschland bis Norditalien wieder mit Zuversicht erfüllen.

Wer nicht dabei ist und natürlich die nördlichen Transfergelder verliert, kann endlich auf die eigenen Kräfte bauen und die immer wieder verschobenen Reformen erledigen. Dabei mag der eine für sich bleiben und der andere seinerseits neue Bünde formen. Auf jeden Fall treten in der Alten Welt dann Aufbrüche verschiedener Geschwindigkeit an die Stelle der lähmenden Allgemeindepression.

Wenn es dann demokratisch gewollt wird, mögen auch wieder umfassendere Allianzen ins Auge gefasst werden. Bis dahin aber – bei 200 Staaten auf der Erde eigentlich selbstverständlich – werden Propagandisten es schwer haben, Größe an sich als eigenständigen Wert zu verkaufen. Sofort denken die Umworbenen an Schwerfälligkeit, Vergeudung, korrupte und zugleich nutzlose Eliten Scheindemokratie, De-Industrialisierung und Kompetenzverlust. Wenn für all das selbst Deutschland nicht mehr zahlt, weil es von den zu übernehmenden Beiträgen des Nordens erdrückt wird, will bei so etwas ohnehin niemand mehr mitmachen.

Die immer gebrechlicheren Europäer werden die zu ihnen passenden Wege dann gemächlich und behutsam beschreiten; denn zornige junge Männer zum Vorantreiben oder gar Übertreiben der Dinge fehlen überall. Das Durchschnittsalter übersteigt 40, in Deutschland sogar 46 Jahre. Im Sommer 1914 liegt es unter 20, weshalb man damals so kriegsmunter wie heute Gaza, Syrien oder Jemen gegen seinesgleichen vorgeht. Diese Youthbulge-Zeiten mit drei Söhnen pro Familie – von Politikern, Journalisten, Professoren und darob auch von besorgten Hausfrauen immer wieder als Bedrohung beschworen – sind vorbei. Junge Männer sind heute einzige Söhne oder gar einzige Kinder. Da neigt man kaum zum Sterben für das Verteidigen irgendeiner Grenze.

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Gunnar Heinsohn (*1943) lehrt Militär-Demografie am Nato Defense College (NDC) in Rom sowie Eigentums-Ökonomie am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) und am Management Zentrum St. Gallen (MZSG).

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