Von Deflation keine Spur?2013-01-16T09:43:51+00:00

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Antwort auf das Posting von User Horst Klein im Malik Blog vom 22.12.2011:
Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Bremen am 02.01.2013:
Eine Wirtschaft ohne Deflation muss genau unterschieden werden von einer Wirtschaft, deren Deflation künstlich gebremst wird. Diese Verzögerung kann nur durch Käufer erfolgen, die unendlich tiefe Taschen haben. Solche Käufer gibt es unter den Irdischen nicht. Auch Zentralbanken gehören nicht zu ihnen. Ganz anders steht es um missbrauchte Zentralbanken. Dabei handelt es sich um Häuser, die politisch genötigt werden, Geschäftsbanken gegen Nullzins und obendrein für schlechte Pfänder Geld zu leihen und/oder um Zentralbanken, die solche schlechten Sicherheiten zur Vermeidung ihres weiteren Preisverfalls, ihrer Deflation also direkt ankaufen und dadurch frisches Geld in Umlauf bringen.
Der Nullzins soll zum Kauf von Vermögenstiteln – vor allem Aktien und Staatspapiere – verführen, deren Ertrag unter einem normalen Zentralbankzins von – sagen wir – 4%, aber immer noch über 0% liegt. Ihren ohne solche Intervention einsetzenden Preisverfall will man so verhindern. Beispielsweise liegt der Dividendenertrag der 500 Standard&Poors-Firmen am 12.12.2012 bei 2,2% (Bloomberg BW 24-12-12 bis 06-01-13). Müssten Geschäftsbanken bei der Zentralbank 4% Zins zahlen, könnten sie einen Index, der nur 2,2% bringt, nicht kaufen. Zahlen sie bei der Zentralbank aber nur 0,1%, liegt der Ertrag plötzlich um den Faktor 22 über dem eigenen Zinseinsatz. Aufgrund dieser Gewinnaussichten hat sich der Preis der 500 Firmen zwischen März 2009 und Dezember 2012 verdoppelt, obwohl ihre Leistungsfähigkeit teilweise sogar gefallen ist. Nichts von diesem „Wertzuwachs“ in Form einer reinen Preisinflation wäre bei einem Zentralbankzins von 4% eingetreten. Statt der Preisverdopplung hätte es Deflation gegeben. Und eben diese soll der Nullzins bremsen.
Rohstoffpreise inflationieren zwischen 2009 und 2012 deutlich schwächer als Aktien. Das liegt daran, dass Rohstoffe – anders als Aktien – ununterbrochen gekauft werden müssen, was ihrer Inflation Grenzen aus dem Unternehmenssektor setzt. Aber auch Rohstoffe befänden sich in einer Deflation vom Typ des freien Falls, wenn ihnen nicht mit Nullzins für ihre Ankäufer aus den Handelsabteilungen von Geschäftsbanken unter die Arme gegriffen würde.
Ein viel wichtigere Anlageklasse als Aktien (Anteile an Firmen) sind Staatspapiere (Anteile an zukünftigen Steuererträgen von Nationen). Ihr Volumen steigt global von 18 Billionen Dollar nach dem Dotcomcrash 2001 über 28 Billionen 2006 bis auf 50 Billionen Dollar Ende 2012 (http://www.economist.com/content/global_debt_clock). Fast alle diese Schulden werden von Regierungen begeben, deren Steuerbürger älter, arbeitsloser und oft auch weniger werden, weshalb es um ihre Ertragsaussichten viel schlechter steht als bei Firmen. Hinter letzteren steht immerhin die Leistungskapazität aus Unternehmern und ihren Arbeitskräften – in welchen Territorien auch immer die tätig sind. Die Staatsschulden hingegen bleiben ohne direkte Berührung mit dem Leistungssektor.
Weil das so ist, lassen sich Papiere der leistungsschwachen Nationen am freien Markt nicht zum Nennwert verkaufen. Griechenpapiere im Nennwert von 10.000 Euro etwa lagen gelegentlich bei nur 2.000 Euro Marktpreis – eine wuchtige Deflation. So genannte sichere Papiere wie amerikanische Treasury Bills bringen 2012 als Monatsläufer 0,05% und als Zehnjahresläufer 1,7%. Die würde man nicht einmal mit der Kneifzange anfassen, wenn man für das dafür eingesetzte Geld bei der Zentralbank 4% Zins entrichten müsste. Bei einem solchen Zinssatz würden sie unverkäuflich, weil die plötzlich um den Faktor 80 steigenden Zinskosten (für Monatsläufer) die US-Regierung zahlungsunfähig machen würden. Sie könnte ihre ausstehenden Zins- und Tilgungsversprechen nicht mehr erfüllen. Treasury Bills müssten im Preis dann genauso fallen wie Griechenpapiere. Diese Deflation wäre ungeheuerlich und global, weil es in der Euro-EU und in Großbritannien ja nicht anders laufen würde.
Weil das jeder voraussehen kann, würden viele Geschäftsbanken nicht einmal zum Nullzins Staatspapiere kaufen. Deshalb werden von den Regierungen auch sie zum Missbrauch zwar nicht genötigt, aber doch entschieden verführt. Sie müssen ihre Investitionen in Staatspapiere bisher nämlich nicht mit Eigenkapital unterlegen. Beim Aktienkauf zwingt man sie dazu, um einen möglichen Fall der Aktienpreise bzw. den dadurch erlittenen Geldverlust ausgleichen zu können. Die Einwerbung von Eigenkapital aber gelingt nur, wenn ihren Bereitstellern ein passabler Zins zugesagt wird. Eigenkapital gibt es mithin – anders als das Geld missbrauchter Zentralbanken – niemals zum Nullzins.
Weil also Geschäftsbanken allein die Deflation nicht verhindern würden, haben zwischen 2002 und 2012 die grossen Zentralbanken ihre Bilanzen von 3 auf 13 Billionen Dollar hochgeschraubt (Hayman Capital, 11-2012). Sie haben also auf dem freien Markt nur noch über massive Abschläge (Deflation) absetzbare Schuldtitel für rund 10 Billionen selbst gekauft. Damit haben sie diese Titel im Preis künstlich hochgetrieben oder hoch gehalten. Und es ist eben diese künstliche Inflation, mit der die reale Deflation maskiert werden soll. Die stärkste denkbare „Spur“ der Deflation besteht mithin im welthistorisch massivsten Programm zu ihrer Bekämpfung.
Insofern ist die Aussage von einer ausbleibenden Deflation genauso haltlos wie die Aussage, dass keine Inflation stattfände. Die bleibt nur solange unsichtbar, wie man auf den Preis für ein Pfund Butter schaut. Doch der gewöhnliche Butterkäufer kommt nicht an den Tresen einer Zentralbank, wo es Geld für Nullzins gibt. Die Geschäftsbanken jedoch, die sich dort vollsaugen, kaufen Aktien oder Staatspapiere und bewirken dort als kräftige Inflation, was dann als „Wertzuwachs“ gepriesen wird. Für den Laien bleibt die Deflation unsichtbar, weil sie durch künstliche Inflation verdeckt wird, während ihm die Inflation entgeht, weil sie vom Deflationssog neutralisiert wird. Inflation ist also nicht nur vorhanden, sondern kommt für das Maskieren von Deflation in zuvor niemals versuchtem Umfang zum Einsatz.
Man will den Preissturz der Staatstitel bremsen, weil sie nicht nur im Investment von Banken und Unternehmen stecken, sondern auch in deren Eigenkapital sowie in den Pfändern, die von Banken und Zentralbanken als Sicherheit für Kredit akzeptiert werden. Würde nun freier Markt für Staatspapiere und damit für ihre Deflation von – sagen wir – 10.000 Nennwert auf durchschnittlich 5.000 Preis (Kurs) zugelassen, wären fast alle Banken und viele Betriebe umgehend ausgelöscht. Denn die 5.000, die man durch Anlage in Staatspapiere verliert, kann man nicht aus einem Eigenkapital glattstellen, das ebenfalls aus Staatspapieren besteht, die ihrerseits um 5.000 gefallen sind. Da es nach diesem Ernstfall ganz von vorne losgehen muss, wollen weder Politiker noch ihre mäkelnden Wähler das persönlich erleben. Hochschulden so lange es geht, bleibt deshalb die Parole. Wer hingegen sein Unternehmen vorausschauend positioniert, wird sein Eigenkapital und seine Reserven beizeiten von Staatstiteln befreien.
 

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